I don´t want to be afraid no more

Sie begegnen dir nicht jeden Tag, doch jeder kennt sie: diese schönen und faszinierenden Momente, in denen einem das Herz aufgeht, wo man aus dem Staunen nicht herauskommt, sich so leicht und frei fühlt, als könnte man die ganze Welt umarmen und in denen man gar nicht so viel Luft einatmen kann, wie die Lunge Fassungsvermögen hat. Staunend steht man da, wie ein kleines Kind, das aus riesig großen Augen, voller Neugier, in die Welt schaut. Hinzu fügt sich ein erleichternder Seufzer und gleichzeitig ein breites Lächeln auf den Lippen.

Stell dir einen Abend vor – weit draußen, außerhalb der Stadt. Du sitzt auf einem Gipfel, unter dir Wald, Bäume und Fels soweit du schauen kannst. Der Himmel zeigt, dass der Tag schon fast vorbei ist. Er scheint bunt. Das Hellblau strahlt und die Wolken sind orange-gelb-rosa-rot und irgendwie golden gefärbt. Die Sonne hat sich den ganzen Tag hinter den Regenwolken verschanzt, traut sich jetzt heraus für ein großes Finale. Sie scheint und lässt Berge, Bäume und Menschen gleichzeitig leuchten und lange Schatten werfen.

Zwischen hohen Felsen sind Lines gespannt, auf denen Menschen voller Spannung, Freude, Fokus und vielleicht mit etwas wackeligen Beinen balancieren. Die Stimmung ist friedlich, gelöst und irgendwie befreiend.

Du darfst zuschauen und gleichzeitig Teil davon sein. Du kannst spüren, wie das Adrenalin in der Luft liegt und die Freude darüber greifen, dass der Regen endlich pausiert, der Fels trocknet und das möglich ist, wofür diese Menschen brennen und wofür sie hier sind.

Das alles durfte ich vor ein paar Tagen erleben.

Mein Name ist franzi, ich bin 33 Jahre alt und durfte am Himmelfahrtswochenende mit einer Gruppe bunter, lieber und mutiger Menschen nach Ostrov in die böhmische Schweiz nach Tschechien fahren – zum Highlinen.

Ich, die vor so vielen Dingen Angst hat. Zum Beispiel vor neuen Menschengruppen, davor die Kontrolle abzugeben und vielleicht sogar ein bisschen vor Höhe. Dennoch fühlte ich mich angezogen und wollte unbedingt teilhaben.

Einen Plan hatte ich nicht, weder von dem, was mich erwarten würde, noch davon wie die Tage ablaufen würden – ganz zu schweigen von all dem technischem Kram. Doch wie kam es dazu?

Nachdem ich zwei Jahre ganz viel allein und hin und wieder mit Freunden im Park zum Slacklinen war, hat mir das nicht mehr ausgereicht, ich wollte gern mehr lernen und austesten, was es noch gibt.

Auf den Vorschlag meiner lieben Freundin Judith ging ich neugierig zum Kanal in Leipzig zuschauen, wenn dort die etwas höhere Line hing. Dazu kam ein Slacklineworkshop für Anfänger*innen und schließlich der Sprung über den eigenen Schatten mit der Anmeldung im Verein. Zu mehreren machts einfach mehr Spaß.

Zwei Wochen später stand der Ausflug nach Ostrov im Kalender.

So packte ich am 25. Mai erst mich und mein Campingzeug ins Auto, holte Mohammad und Anh ab und los ging´s. In meinem Ohr sangen die Jungs von Bukhara den Song I don´t want to be afraid no more. Der Text war in der letzten Zeit mein Mantra geworden.

Im Halbdunkel auf dem Campingplatz angekommen, freute ich mich über ein paar bekannte Gesichter, den fehlenden Handyempfang und das allgemein bunte Treiben. Da ich weder die Umgebung noch das entsprechende Material kannte, überforderte mich die Absprache zum Aufbau der Lines für folgenden Tag völlig und so krabbelte ich voller Spannung auf alles, was mich erwartete, in meinen Schlafsack.

Der Morgen begrüßte uns erst frisch, später zeigte sich, ganz tückisch, die Sonne. Nach dem Frühstück teilten sich die Teams für den Aufbau ein, im bunten Durcheinander wurde gepackt und schließlich ging´s zum Felsen.

Ich wurde mit vielen Erklärungen an die Hand genommen und hatte einen herrlichen Aufbautag. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass ich erst Tage später einen Großteil von dem verstanden habe, was wir wirklich gemacht haben. (Danke an David für seine Geduld 😊) Trotzdem war ich voller Eifer dabei.

Für mich fühlte sich das etwa so an: Ab auf den Felsen, jede Menge Seil, jede Menge Infos. Zwischendurch immer wieder kleine Funken des Verstehens. Mit dem Grigri ging es viel hoch und viel runter. Zwischendurch hieß es warten, währenddessen die anderen lediglich als geschäftige Miniaturmenschen in der Ferne sichtbar waren und David, dessen Aufbaubuddy ich sein durfte, eifrig am Tun war. Ich war so fasziniert vom Moment und vom vielen Neuen, dass ich gar nicht immer mitbekam, was alles gleichzeitig passierte und mich über wütende Brüller vom anderen Felsen wunderte. (Für Unwissende sind Dinge so herrlich entspannt und die Aussicht einfach grandios…)

Während die Zeit verging, fügte sich der Einsatz der Drohne, die Bereitschaft der Angel, das „Warum?“ der aufgeschnittenen Feuerwehrschläuche und die unterschiedlichen Ansichten über das „Wie?“ wie das Bild eines Puzzles zusammen.

Sechs Stunden nach dem Raufklettern auf den Felsen war es geschafft. Drei Lines hingen.

Während ich im erstaunlich kalten Wind vor mich hin zitterte (Das nächste Mal lass ich mich von der Sonne nicht täuschen – der Wind war an diesem Tag eindeutig die dominantere Kraft.), überlegte ich, wie es möglich ist auf diesen Lines zu laufen, die sich inmitten dieser herrlichen Kulisse befinden. Was das wohl für ein Gefühl ist? Und, ob ich das wirklich herausfinden will?

Ja, das wollte ich.

Unter Adleraugen, mein Mantra vor mich her summend, laut atmend und mit zittrigen Armen und Beinen habe ich mich eine Stunde später an der Leash eingebunden. David und Rudi halfen mir durch meine erste kleine Highlinesession.

Ich rollte zur Mitte der Line und versuchte den Ausblick zu genießen. Nach einer Weile gelang es mir zu entspannen. Mein Kopf verstand, dass nichts passieren wird – ich war ja gesichert. Es machte Spaß auf der Line zu sitzen und zu bouncen. Als ich den Hangover lösen wollte, rebellierte mein Körper dann doch. Sobald ich versuchte aus dem Sitzen ein Bein nach oben zu nehmen, zitterte ich. Nicht einmal die Dampflockatmung half.

Also entschied ich mit diesem ersten Mal auf einer Highline zufrieden zu sein – sitzend in der Traumkulisse und mit ein bisschen Angst im Kopf. Gleichzeitig tauchte das Gefühl auf, eine Tür in eine ganz neue Welt geöffnet zu haben.

Und ich freue mich diese Welt kennenzulernen; zu üben, zu spielen, an Grenzen zu kommen und diese auszutesten. Wer weiß, vielleicht löse ich irgendwann den Hangover.

I don´t want to be afraid no more

I wanna break out and rise up to the sky

I wanna stay up there and close my eyes (and let the world dance around me)

Während es für die anderen Highliner *innen erst der Anfang vom Wochenende war, blieb es für mich bei der einen Session. Das Wetter hatte andere Pläne. Es regnete viel, deshalb gab es nur kleine Zeitfenster, die Lines zu nutzen. Ich staunte über den Mut Vieler aufzustehen, über die Leichtigkeit mit der die Mensch*innen über die Lines zu laufen schienen, über die Kraft, die andere bei Tricks einsetzten und freute mich über die Freude eines jeden Einzelnen nach der Session.

Das Wochenende verging ganz entspannt mit Lagerfeuer, schönen Gesprächen, Spaziergängen, kleinen Ausflügen, Spielen, dem Geruch nach Regen, dem einen oder anderen Bier und der Freude darüber, draußen zu sein.

Ich fuhr glücklich und zufrieden nach Hause. Innerlich ruhig, entspannt und erschöpft – im Gepäck neue Bekanntschaften, phantastische Bilder und der Vorfreude auf noch mehr dieser herausfordernden Herzmomente.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 × vier =